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[Last Update: 08.10.2009]

“This isn’t sometimes, this is always. This isn’t maybe, this is always. This is love …” (Waldeck)

THIS IS LOVE (Regie und Buch: Matthias Glasner)

Wie lange dauert es, bis Tränen getrocknet sind? So getrocknet, dass ein anderer, der einem ins Gesicht schaut, nicht mehr erkennen kann: Hier hat einer geweint? Und ist es – will man diesen Prozess beschleunigen – von Vorteil, sich die Augen in den Winkeln abzutupfen, oder reizt sie das nur und macht sie erneut feucht? Mit diesen Fragen beschäftigte ich mich unmittelbar nach der Pressevorführung von This is Love auf der Toilette. Als ich danach vor dem Aufzug des Kinos stand, neben einer Kollegin, gab ich mich geschlagen und sagte: „Ich habe geweint.“ Und wahrlich ist dies eines der größtmöglichen Komplimente für ein Kunstwerk, das einen tief ergriffen oder gar erschüttert hat. This is Love von Matthias Glasner erzählt die eindrücklichste und zugleich ernüchterndste Liebesgeschichte, die in diesem Jahr die Leinwände erleuchtete, und manche werden sie zu einem Skandal erklären. Denn die Liebe kennt hier keine Alters-Grenze.

Chris (Jens Albinus) und Holger (Jürgen Vogel) kaufen in Vietnam Kinder aus Bordellen frei, um sie in Deutschland an adoptionswillige Eltern zu verkaufen. Mit der etwa zehnjährigen Jenjira (Lisa Nguyen) will das nicht so recht funktionieren, zumal sich Chris selbst in Zuneigung zu ihr verstrickt. Als das deutsche Jugendamt auf die beiden aufmerksam wird und asiatische Menschenhändler ihren Anteil am Verkauf des Kindes einfordern, spitzt sich die Lage dramatisch zu.

Parallel dazu wird uns die dem Alkohol frönende Kommissarin Maggie (Corinna Harfouch) vorgestellt, deren Ehemann sechzehn Jahre zuvor plötzlich fortging und die von ihrem Kollegen Roland (Devid Striesow) begehrt wird. Sie wird später Chris verhören, dem sie bereits zuvor einmal begegnet war, als sich beide in einem tiefen seelischen Loch befanden …

Es wäre falsch, viel mehr von der Geschichte zu verraten, die – das sei versprochen – nicht nur inhaltlich Erwartungen zuwiderläuft, sondern auch formal-stilistisch immer wieder überraschende Akzente setzt und sich zu einem filmischen Meisterwerk entwickelt. Da sind die sich individuell durch ihre jeweils eigene Sprache, ihren eigenen Akzent abgrenzenden Figuren, die alle ein deutliches Leiden am Leben miteinander verbindet. Die Kommissarin wird den Fall nur lösen, weil sie versteht, dass ihrer Liebe zum fernen Ehemann die Liebe des erwachsenen Chris zu der kleinen Jenjira entspricht. Zwei Szenen, die ich als Höhepunkte der Dialogkunst ansehe, unterstreichen das Talent von Matthias Glasner, der nicht nur Schauspieler an den Rand ihrer Fähigkeiten treiben kann, sondern auch etwas zu sagen hat und weiß, wie man es tun sollte. (...)

(Ausführliche Fortsetzung nachzulesen im Magazin GIGI Nr. 64 ab November 2009.)

IL DIVO/DER GÖTTLICHE (Paolo Sorrentino)

25 Mal Minister. 7 Mal Premierminister. 29 Mal angeklagt. 29 Mal freigesprochen. So steht es auf dem Titelblatt des Presseheftes. Und schon da weiß man, trotz der frappierenden Ähnlichkeit mit einem Schurken namens Henry Kissinger, hier ist ein anderer im rötlichen Halbschatten abgebildet – es ist Toni Servillo, der Giulio Andreotti spielt. Kissinger würde ja auch nicht immer frei gesprochen. Während er verschiedene Länder der Welt gar nicht mehr betritt, weil er dortigen Vorladungen der Gerichte nicht nachkam und man ihn wegen seiner Kriegsverbrechen (u.a. in Ost-Timor) zur Rechenschaft ziehen könnte, wird er hier in Deutschland (insbesondere in Bayern) hofiert, bekommt einen Friedenspreis und darf sich kurz danach noch mit Maischberger (was ist eigentlich mit der los?), ein paar deutschen Künstlern und Otto und Susi Normalverbrauchern zu einer alljährlichen Gesprächsrunde in einem Verlagshaus treffen. Nach Den Haag hat ihn wieder niemand gebracht. So konnte er dann noch ein paar schlaue Sachen zum Besten geben, zum Beispiel einer Deutsch-Türkin erklären, dass man als emigrierter Deutsch-Jude in den USA einst ganz schnell Englisch sprechen lernte und sich akklimatisierte, sonst wär man nämlich untergegangen. Nix da von wegen mangelhafter Integrierung, Sprach- und Sittenverweigerung. Das reicht mir aber nicht. Pinochet, der andere Schlaukopf, für den Kissinger mitverantwortlich war, hat ja mal auf die Frage nach all den Menschen, die er verschwinden ließ und die zum Teil lebendig überm Meer abgeworfen wurden, geantwortet: „Aber bitte, es war doch Krieg.“ Er meinte vielleicht Bürgerkrieg. Immerhin hat Kissinger in der Talkrunde sich als „kalten Krieger“ bezeichnet und damit nochmal untermauert, wie eine einzige Paranoia hunderttausende Südostasiaten das Leben kosten konnte. Dazu muss man nicht 25 Mal Minister werden. Einmal genügt. Und weil das interessanter und abstoßender ist als Andreotti, kein Wort mehr über den.

DOUBT/GLAUBENSFRAGE (John Patrick Shanley)

Inzwischen gehe ich in jeden Film mit Philip Seymour Hoffman. Wie kann man so sagenhaft gut und lässig spielen? Dabei erinnert er mich an einen Finnen von ganz ähnlicher Statur und Physiognomie, den ich kennenlernte, weil ein anderer Finne ihm im Urlaub meine Kontaktdaten gegeben hatte, damit er mich bei seiner Zwischenstation auf dem Frankfurter Flughafen mal treffen könne. Wie sich herausstellte, lief er gerne in Anzügen und Krawatten herum, mit denen er sich reichlich-günstig in Asien eingedeckt hatte. Er ist übrigens auch derjenige, der das mit den Russinnen in Thailand … (steht in einer anderen Filmkritik). Einmal ging ich mit ihm auf eine Bankfiliale. Dort bekam er Probleme und ich war mir sicher, er würde mich um Geld anhauen. Passierte aber nicht. Stattdessen fing er an, Geschichten von seinen Transaktionen und von seinem Tschetschenien-Aufenthalt zu erzählen. Und dann telefonierte er mit diversen Frauen in Deutschland und erzählte, wie er die stets mit seinen Kochkünsten beeindrucken konnte. Tatsächlich kochte er dann auch bei mir, wo er übernachtete, vorzüglich. Als wir dann abends ausgingen, wollte ich mal sehen, wie er das mit den Weibern so anstellt. Natürlich blitzte er ab. Da war einfach nichts, was ich von ihm hätte lernen können (außer dem Kochen, meine ich). Er bemühte sich aber nach wie vor um das Image eines Weiberhelden. Ganz anders Hoffmans Priesterfigur im Film. Der darf natürlich, ja soll sogar als asexuell gelten. Es dauert aber nicht lange, da wird sein Engagement für einen schwarzen Jungen von Schwester Meryl Streep argwöhnisch bespitzelt, spinnt sich in ihrem Kopf zu einer Schänder-Geschichte, und Hoffman, dem das nicht zum ersten Mal geschieht, verdrückt sich in eine andere Gemeinde. Des Rätsels Lösung erfahren wir nicht, stattdessen wird uns klar, wie wir alle in unserem Nicht-Wissen zuweilen anderen Übelkeiten anzudichten bereit sind. Aber, ächz, manchmal ist es eben auch so, wie man denkt, und dann will man womöglich nicht länger zusehen, dass einer nicht zur Rechenschaft gezogen wird. Nicht wahr, Henry?

SLUMDOG MILLIONAIRE (Danny Boyle)

Hatte die Romanvorlage gerade halb fertig gelesen, da kam die Presse (Kurzform für: Pressevorführung). Und kurz danach hagelte es Filmpreise. Unfassbar. Das ist der meistüberschätzte Film des Jahres. Bollywood-Schmalz meets verrissene Kamera. Da, wo man lange draufhalten müsste, um dem Elend gerecht zu werden, verzittert Kameramann Anthony Dod Mantle sein Arbeitsgerät. Alles an diesem Film ist oberflächlicher und unglaubwürdiger Kitsch. Immerhin für einige Tageszeitungen der Anlass, mal ausgiebiger über die Slums von Mumbai (Bombay) zu schreiben. Der Roman folgt einer durchschaubaren Dramaturgie und orientiert sich strenger an der Struktur der weltweit vermarkteten „Who wants to be a millionaire“-Folgen. Das einzig Gute – neben der zunehmenden Entdeckung weiblicher indischer Schönheiten (ich kann mich zum Beispiel gar nicht satt sehen an Sarah Shahi, einer Frau, die sich die Achseln rasiert, aus der vom Zen inspirierten TV-Serie „Life“, und die ist nicht mal Inderin, sondern halb Perserin, halb Spanierin) – war die Entdeckung der Website zur gleichnamigen US-Show. Da kann man mal checken, ob das Amerikanistik-Studium wirklich was gebracht hat, und sogar ein videobasiertes Spiel durchziehen. Die Moderatorin ist eine Frau. Wenn RTL schlau wäre, würde es Sarah Shahi einen Deutschkurs spendieren und sie auf Jauchs Stuhl setzen. Da die Kandidaten bei uns immer häufiger Männer sind, würde das für einen gewissen hormonellen Ausgleich sorgen. Jedenfalls geht’s mir wie dem Kandidaten neulich: Ich bewarb mich jahrelang vergeblich. Ob’s wohl doch einen Unterschied macht, wie man sich öffentlich zu Jauch äußert?

Eine Emulsion ist ein Gemisch zweier normalerweise nicht mischbarer Flüssigkeiten. Wenn man Danny Boyle mit Sozialkritik mischt, wird daraus keine Emulsion. Und bei mir nicht mal ne Emotion.

ÜC MAYMUN/DREI AFFEN (Nuri Bilge Ceylan)

Schöner Film. Echt. Schön und aussagekräftig. Ein echter Autorenfilm. Und dann hab ich mich noch so nett mit meiner türkischen Kollegin unterhalten. Sie ist eben eine von den guten Türkinnen. Küsschen. Und nun zum Punkt: Keine Türkei in die EU. Klare Sache. Man geht in einen der zahlreichen O2-Läden, und was ist? 80 Prozent Türken und Marokkaner beraten. Ich hätte gern den Stick zum Surfen für 25,- Euro. Will ich mal einen Monat testen, wie es die Werbung anpreist. Ja, kann ich haben, wird auch gleich freigeschaltet. Gut, ich komm dann am nächsten Tag wieder, um alles zu unterschreiben. Da heißt es dann, die Freischaltung könne drei Tage dauern. Motz. Dann geht es doch gleich. Nach knapp einem Monat bring ich das Ding zurück. Langsam wie Internet vor 10 Jahren. Das sage ich auch. Da will man meinen Bon über den symbolischen Stick-Preis von einem Euro. Sonst könne man das Ganze nicht kündigen. Ich lasse entnervt den Strichcode der Stick-Verpackung einscannen, so kommt man an den (Ersatz-)Bon, ich darf dann drei Mal unterschreiben – die „Sonderkündigung“, den Erhalt von einem Euro und die Ausfertigung des „Ersatzbons“. Bevor es aber dazu kommt, stehe ich zwanzig Minuten an der Kasse, weil ein Schlipsträger eine Komplettberatung einfordert. An den drei anderen Beraterplätzen im Laden ist nicht viel los. Dort kann man aber nichts für mich tun. Ich will ja nichts haben, sondern zurückbringen. Der Schlipsträger muss ausgerechnet an der Kasse beraten werden. Der einzigen Kasse, wie man mir entschuldigend sagt. Ich schlage laut vor, der Kunde möge mal eine Weile spazieren gehen. Das Arschloch. Aber später wird mir klar, dass sich da zwei von gleichem Geist unterhielten. Zwischenzeitlich haben sich auch noch zwei hässliche Koreanerinnen vorgedrängelt, nachdem sie mit ihrem nicht vorhandenen Charme bei mir abgeblitzt waren – obwohl sie die weniger hässliche vorschickte. (Korea also auch nicht in die EU, damit das klar ist.) Der offensichtliche Filialleiter unterschreibt schließlich zu meinem Schrecken mit einem türkischen Namen. Hätte ich ihm nicht angesehen. Ein freundlicher Mensch. Der mich aber verarschen wollte. So auf die billige Tour. Telefonica, wie das Unternehmen hinter O2 heißt, versucht es dann auch nochmal. Zuhause finde ich die Rechnung über den ersten Monat. Zu den 25 Euro für die Stick-Flatrate kommt plötzlich noch ne zweistellige Anschlussgebühr. Das Angebot versprach exakt das Gegenteil. Da fällt mir eine Pointe ein. Was wird aus O2, wenn man ihm die Luft abdreht?

THE CURIOUS CASE OF BENJAMIN BUTTON/DER SELTSAME FALL DES BENJAMIN BUTTON (David Fincher)

Das Drehbuch stammt von Eric Roth. Der hat die Vorlagen von Ali, Munich, Forrest Gump und The Insider geschrieben. Und die Geschichte, wie jemand sich von der Geburt als Greis entwickelt zu einem immer kindlicher werdenden Alten, ist so originell nicht, zumal viele von uns zumindest dieses letzte Stadium auch irgendwo in unserer Verwandtschaft antreffen dürfte. Was passiert nun? Die gleichnamige Kurzgeschichte von F. Scott Fitzgerald, die mit großzügigem Zeilenabstand auf kaum siebzig kleinformatige Seiten kommt, wird von Diogenes mit einem roten Sticker beklebt, auf dem zu lesen steht: „Jetzt im Kino“. Mitnichten. Dass der Film den Titel der Short Story trägt, ist eine Frechheit. Er hat im Grunde nichts mit ihr zu tun, außer der nicht nur bei Fitzgerald zu findenden Grundidee. Und da haben wir diesen grandiosen Absatz am Ende, der einem das Älter- bzw. Jüngerwerden à la Button so richtig schmackhaft macht: „Er konnte sich an nichts erinnern (…) Es gab nichts als sein Bettchen und Nanas vertraute Gegenwart. Und dann erinnerte er sich an gar nichts mehr. Wenn er Hunger hatte, schrie er – das war alles.“ So ist das Babydasein. Kein unterscheidendes Denken, nur Instinkt.

Kærlighed på film/BEDINGUNGSLOS (Ole Bornedal)

Der erfolgreichste Film des Jahres 2007 in Dänemark kommt 2009 in unsere Kinos. Viel Neues hat er nicht zu erzählen. Ein Polizist verstrickt sich nach einem von ihm mit verursachten Autounfall in eine krude Liebesgeschichte zum zeitweise erblindeten Opfer. Aus der Vergangenheit dieser Frau taucht ein Krimineller wieder auf, der in Asien in den Handel mit Edelsteinen verstrickt war. Wie gut, dass Frau Zhang, meine chinesische Praktikantin, während der Vorführung neben mir saß und mir sagen konnte, dass der Triadenmörder, den wir gegen Ende des Filmes zu Gehör bekommen, kantonesisch sprach: „Ich weiß nicht, wie man auf Deutsch sagt, er rief: Drop dead!“ Alles klar, Untertitel waren auch nicht wirklich nötig, inhaltlich und von der Figurenzeichnung hatte Bornedal, der auch das Drehbuch schrieb, uns ja schon auf allerhand Klischees eingestellt (Frau Zhang nahm den Figuren ihr Verhalten gar nicht ab). Das konnte nur noch vom Soundtrack getoppt werden, der einen schön langsam blutig schlug wie den einen Protagonisten am Ende (ha, wieder keine Spoiler-Warnung nötig, man verzichtet einfach auf Namen, schließlich blickt keiner mehr durch und die Spannung bleibt erhalten). Apropos Spannung (falls man mit apropos auf was in ner Klammer Bezug nehmen darf) – sicher, die ließ nicht nach, aber Frau Zhang, meine chinesische Praktikantin, schloss bei all der Brutalität desöfteren die Augen und hielt sich die Ohren zu. Es bleibt die ausgezeichnete Kamera von Dan Lautsen. Was auch immer er einfing, ob Meereswellen, Leichenschauhäuser, Actionszenen oder die eingegrünten Schauplätze in Angkor, nur eine große Leinwand wird dieser Kunst gerecht.

P.S.: Frau Zhang benutzt gerade mein Internet. Darum schreib ich mal was aus dem Presseheft ab. In Dänemark gibt es 167 Kinos mit 59.000 Sitzplätzen. Der Marktanteil der einheimischen Filme beträgt 26 %, der der amerikanischen 58 %. Die dänischen Filme haben im Schnitt jedoch deutlich mehr Besucher.

HOTEL VERY WELCOME (Sonja Heiss)

Toll, wie die Regisseurin, selbst Backpackerin, und ihr Co-Autor Nicolai von Graevenitz den Menschen aufs Maul schauen, die sich in der Fremde begegnen, wo nicht zuletzt ein ökonomisches und Bildungsgefälle ihre Beziehungen zueinander bestimmt. Die Hoffnungen der meisten Europäer, die sich in für sie exotische Länder begeben, richten sich vor allem auf ein Klären ihres Liebesbedürfnisses. Ein paar trollige Typen halten sich von den asiatischen Frauen fern und glauben tatsächlich, mit Skandinavierinnen und Engländerinnen besser zu fahren. Solchen Gestalten bin ich in Thailand auch schon begegnet. Die landeten schließlich bei russischen Nutten, also den teuren. Weil’s so lustig war und ich bei meinen nächtlichen Besucherinnen gerne vermeide, dass sie meine Zahnbürste benutzen, hab ich dann die Werbegeschenke des Filmverleihs gleich tüchtig eingesackt, kleine Boxen mit zusammensteckbarer Zahnbürste und Cremetübchen. Werner, der ebenfalls zulangte (obwohl er’s nicht so treibt wie ich), wollte dann noch sehen, wie ich draußen auf der Straße einem Obdachlosen, der gerade Passanten anmachte, eine Zahnbürste schenke. Als der den Aufdruck auf der Box las, “Hotel Very Welcome”, lachte er sich schlapp. Ist sicher auch weit rumgekommen. Vielleicht sieht man sich ja mal an der “Good Everything Bar”.

ICH WILL DICH - BEGEGNUNGEN MIT HILDE DOMIN (Anna Ditges)

Eine steinalte, fitte Lyrikerin weigert sich immer wieder, ihr faltiges und doch schönes Gesicht filmen zu lassen, doch die Filmemacherin bleibt hartnäckig. Die kleinen Wutausbrüche der Dichterin zählen zu den wertvollsten Momenten des Filmes, weil sie die Frage nach der Ethik einer Dokumentaristin aufwerfen, die sich mit ihrem eigenen rüden Charme nicht recht an das Direct Cinema anzulehnen weiß. Domin änderte ihren bürgerlichen Nachnamen (Palm) in Anlehnung an die Dominikanische Republik, die ihr Asyl gewährte, als die Juden in Europa verfolgt wurden. Es ist ihr peinlich, daran erinnert zu werden, dass sie einst dem Wohlwollen eines Diktators ausgeliefert war, der seine Insel rassisch durchweißen wollte und darum die Juden willkommen hieß. Wenn die haikugleiche Domin in einer Sequenz vergeblich das Grab ihres geliebten Mannes zu finden sucht, dem sie sich nicht wirklich zu nähern wagt, weil er ihre einziger war und sie seinen Verlust offenbar nie recht verwunden hat, möchte man zur Leinwand rufen: Fragt doch mal den Friedhofswärter, geht doch nicht einfach so wieder weg. Aber hier mischt sich die Regisseurin mal nicht genug ein, die für dieses Drama dann wohl doch zu jung war. Bei Wikipedia heißt es über die Domin, ihr Lebenssinn habe darin bestanden, “zu lieben und geliebt zu werden.” Gut so, gibt es doch schon genug Mutter Theresen, die meinen, ersteres würde genügen.

ULZHAN (Völker Schlöndorff)

Ein Typ, der Frau und Kinder durch einen Autounfall verloren hat, sucht einen heiligen Berg in Kasachstan zum Sterben auf. Dabei begegnet er einer lebensfrohen Frau, die fast so heißt wie die in einer anderen schönen und teils kargen Landschaft, der Nalin Pans in “Valley of Flowers”. Dieser Film wirkt wie ein müder Abklatsch davon, er zieht sich bedeutungsschwer dahin, ohne seine traumhafte Ebene glaubhaft zu vermitteln. So soll man es dann wohl auch ernst nehmen, dass eine junge Schönheit einem depressiven, alten Langweiler nachläuft. Schlöndorff ist eben nicht Nalin, Tom Fährmann (der Kameramann) nicht Michal Englert und Ulzhan nicht Ushna. Das sind ja mal Binsenweisheiten. Schlechte Filme inspirieren den Kritiker eben kaum, selbst wenn er Keane auf den Kopfhörern hat.

THE CELESTINE PROPHECY (Armand Mastroianni)

In der Buchvorlage von James Redfield, die wir anlässlich einer seltsam esoterischen Filmvorführung - wie alle zahlenden Gäste - geschenkt bekamen und die ich querlas, gibt es einige schöne Mutmaßungen über die Kraft unserer Gedanken und wie wir damit die Welt, die nichts als Energie ist, erschaffen. Ich als Buddhist, der an die Leere und Substanzlosigkeit von allem glaubt, kam freilich mit dem dann doch kruden Vermischen thermodynamischer Grundideen mit christlichen Gottes- und Liebesvorstellungen nicht zurande. Immerhin findet sich in dem sehr dialogreichen Text ein köstlicher Ratschlag, mit Rabiaten umzugehen, indem man sie nämlich einfach fragt: “Warum bist du denn so wütend?” (statt ihnen aufs Maul zu hauen). Im Film sterben die Bösen dann aber, als würde es ihnen genau so recht geschehen, auf teils brutale Art. Zuvor lauschten wir einem abgesprochenen Interview mit dem Autor, nichts Kritischem, man hatte wohl vergessen, dass wir von der Presse da waren. Immerhin durften wir uns nach dem ganzen Kitsch - für den zunächst die große Leinwand (im Frankfurter Metropolis) gepriesen wurde, woraufhin dann freilich nur ein kleiner Teil davon für eine billige DVD-Projektion genutzt ward - an der Atlantik Bar besaufen, um die ganze Verarsche möglichst schnell zu vergessen. Ich hatte eine Frau mit reingenommen, die keine Karte mehr bekommen hatte (war mir mal wieder ganz entfallen, dass ich jemanden mitnehmen durfte). Die holte sich nach dem Film noch eine Widmung vom Autor, wozu sie stundenlang in einer Schlange von Gläubigen stand, und hatte dann keine Zeit mehr, sich bei mir zu revanchieren. Sie sagte: “Vielleicht sehen wir uns wieder.” Ich erwiderte: “Wenn du an mich denkst und mich liebst, werden wir uns begegnen.” Sie sagte: “Oh, dann wohl nicht, ich lieb schon jemanden.” Tja, was soll man da noch sagen, nicht mal die Fans von Redfield haben die einfachsten Wahrheiten über die Liebe verstanden.

Euer undankbarer Kritiker. Ich liebe Euch alle!

ATONEMENT (Joe Wright)

Seamus McGarvey heißt der nordirische Kameramann, der früher auch Videoclips für U2, Coldplay und PJ Harvey drehte, um nur einige zu nennen (weil ich ansonsten zu viel abschriebe). Sequenz um Sequenz merkt man ihm seinen traumhaften Gestaltungswillen an, der zwar zu keinem einheitlichen Stil führte, u.a. aber eine der eindruckvollsten Kriegszenerien der Filmgeschichte hervorbrachte. Nun habe auch ich Lust, einen Roman von Ian McEwan zu lesen. Hier geht es um die Eifersucht und Scham junger Mädchen, die noch nicht so dürfen, wie sie wollen, und damit zwei Liebende, die eigentlich dürfen müssten, wenn sie könnten, auseinanderbringen. Da wird einem so richtig schwermütig ums Herz, passend zum Herbstwetter. Die Darstellung einzelner Geschehnisse aus verschiedenen Perspektiven (der Protagonisten) soll in der Reihenfolge von der des Romanes abweichen und gibt dem Film auch strukturell eine ganz eigene Note, die wie das Ende umso mehr überrascht, als doch die ersten fünf Minuten einen Groschenroman befürchten ließen.

LUST, CAUTION (Ang Lee)

Ja, der Ang Lee wollte mal filmisch ein paar außergewöhnliche Sex-Stellungen durchprobieren. Wir sehen also ein Paar, das sich kamasutragleich so verrenkt, dass es sich dabei kaum noch anfassen kann - mit anderen Worten, wir wissen schon, so macht es kein vernünftiger Mensch, und auch der Rest des Filmes ist unglaubhaft. Eine Frau soll einen Folterchef in eine Falle locken, dazu macht sie sich ihm erst mal sexuell gefügig, verliebt sich aber in ihn, wie er sie so brutal rannimmt (auch hierfür könnte ich ein paar reale Gegenbeispiele nennen, nicht dass es wieder heißt: Siehste, darauf stehn die Weiber), und so bringt sie quasi nicht nur sich, sondern ihre wahren Freunde dem Tod ein entscheidendes Stückchen näher. Wie kann man nur so blöd sein? Weiß ich nicht, ich kenne mindestens so viele Frauen, die ihre Männer verraten haben, wie ich Frauen kenne, die nicht kochen können. Muss ein Film realistisch sein? Diese Frage werde ich gleich noch einmal stellen. Was mir hier nicht passt, ist der Versuch Ang Lees, eine Frauenfigur als moralisch überlegen darzustellen, die doch permanent nur Mist baut - und übrigens genau dann den Folterer entkommen lässt, als er ihr gerade einen lippizanerteuren Ring geschenkt hat. Ach, ist das peinlich. Zu Ang Lees Ehrenrettung sei gesagt, dass er nach einem Roman drehte, der von einer Frau stammt. Hätte mich auch gewundert, wenn ein Mann heuer noch zu solch kruden Frauenbildern in der Lage wäre.

SICKO (Michael Moore)

So, wird mal wieder Zeit, über Filme zu schreiben. Muss schließlich meine Existenz als Kritiker rechtfertigen. Das ist ja nur eine von vielen. Nebenbei bin ich übrigens noch Schönheitschirurg, Minenräumer und Nörgler. Kürzlich sagte ich zu einer Thekenschlampe: „He, ich bin ne multiple Persönlichkeit, mit welcher von mir willst du heute nach Hause gehen?“ Und apropos multipel – Michael Moore lästert über das marode Gesundheitssystem der USA. Eine seiner besten Pointen ist, mit Betroffenen zur Guantanamo Bay zu fahren, wo die Gefangenen, des Terrors Verdächtigen, mehr Service bekommen als ein freier US-Bürger – alles kostenlos. Was aber, wenn Michael Moore einen Film über die wirklichen Zustände auf Guantanamo und dessen Existenzberechtigung als modernes KZ auf Kuba gedreht hätte? Moore kann mit seinem Zynismus eben jedes Thema in die Richtung manipulieren, in der er’s haben will. 45 Millionen US-Bürger seien unversichert. Insider berichten aus großen Versicherungsunternehmen, wie sie Quoten erfüllen müssen, was zur Folge hat, dass Krebspatienten teure Therapien versagt werden. Und in Kanada, Frankreich und England ist alles viel besser. Ja, ja. Leider kam Moore nicht bis Deutschland, obwohl er hier ein paar Bestseller hatte. Dann hätte er vielleicht bemerkt, dass die Welt nicht (einfach nur) schwarz-weiß ist.

THE BOURNE ULTIMATUM (Paul Greengrass)

Macht das jetzt Spaß, in Pressevorführungen des Verleihs Universal zu gehen, seit einen da charmante Frauen begrüßen. Und wie eifrig die immer unsere Meinungen einfangen, dabei will ich nach den Filmen erst mal gar nicht drüber reden; wenn ich nun in schöne Augen sehe, fang ich natürlich an zu faseln ... Damit man mir – und Werner – nicht für die kommenden Werbeposter unsere Ideen klaut, zementiere ich hier unsere Vorschläge für den vierten Teil: „The Webb-Master“ oder „The Webb Identity“. Geil, jetzt hab ich was verraten, ohne zu spoilern. Von Anfang bis Ende hohes Tempo, die vertraut-hektische Handkamera, Stunts und Kampfszenen sind vom Feinsten und eine Frau taucht auf, die an Franka Potente erinnert – ich war mir mit Werner einig, dass uns das verwirren soll und schrie zur Leinwand hin: „Nein, Bourne, lass dich nicht auf sie ein, nur weil sie deiner Ex ähnlich sieht“. (So was hatte mir mal ein Paartherapeut geraten, nach drei Cocktails.) Ja, einmal ein Bourne sein und allen aufs Maul hauen und die Arme brechen. Und das alles mit Matt Damons Milchbubigesicht. Auf dem Schwarzweiß-Poster zum Film haben sie’s so ausgeleuchtet wie einst Brando auf den Philippinen. Der eigentliche Bruder von Bourne ist jedoch der neue Bond. Ich sehe es schon vor mir, wie die beiden bald gemeinsame Sache machen.

GEGENÜBER (Jan Bonny) und JAGDHUNDE (Ann-Kristin Reyels)

Alle Jahrzehnte wieder wird die Wiedergeburt des Deutschen Filmes gefeiert, zum Beispiel auf den Festivals von Cannes und Berlin, dann weiß man gleich, oh shit, das wird ein ganz schlechter Jahrgang, ich stornier dann mal mein Hotelzimmer. Diese Woche verstand ich endlich, warum mein Bruder einen Laserbeamer hat, um Fernsehen aufzublasen. Dann muss man nämlich nicht mehr ins Kino gehen, um Filme zu sehen, die ganz offensichtlich fürs Fernsehen gemacht sind, ohne ästhetische Inspiration, ohne Sinn für Raum und Tiefe, dröge Kammerspiele, bei denen man die Akteure ab und an mal vor die Tür lässt. Und möglichst viele Amateurschauspieler und uninteressante Frauen, wie im echten deutschen Leben, wir sind eben nicht in Entourage, sprich Hollywood, und wir wollen euch da auch nichts vormachen, denn das Kino ist gut dafür, Illusionen zu zerstören. Bis der Langweiler in JAGDHUNDE endlich im Eis einbrach – mir fällt kaum mehr zu dem Film ein, außer dass eine meiner Kolleginnen sogar über Witze in Gebärdensprache lachen konnte, wo ich Untertitel gebraucht hätte –, hatte ich immerhin gelernt, dass man einen erlegten Hasen erst zwei Wochen abhängen lässt, bevor man sich an ihm gütlich tut. (Obwohl, bei meinen andern Häschen war das auch nicht viel anders.)

Zu GEGENÜBER muss ich mehr schreiben, weil Frau Antje, die nicht aus Holland kommt, aber den Film betreut, sich so für ihn stark machte, als ich meine Sichtung abbrach, und im Foyer des Kinos meinte, ich sei in meiner Sicht auf diese Dinge gefangen. Diese Dinge sind hier eine Frau, die ihren Mann schlägt und tritt, und der ist halt ein Polizist. Und ich sagte zu Werner noch: „Der hätt ich gleich eine gedonnert.“ Und was ist? Später wirft die Frau ihrem Mann genau das vor, dass er nicht mal zurückschlägt. Trotzdem, von feigen Bullen hab ich in den letzten Jahren genug gesehen, da müsste mal ein deutscher Regisseur her, der zeigt, wie man in Uniform durchgreift und dass man sich das Ding verdienen muss. Was will ein nicht mal 30-jähriger Regisseur auch über eine totgelaufene Ehe sagen, was kann er wirklich drüber wissen? Ich will solche Weicheier nicht sehen, eine Lehrerin, die ihren Mann dadurch reizen will, dass sie ihn offen betrügt – wieder ne Frau, die ihre Gefühle nicht adäquat ausdrücken kann, es reicht doch schon, wenn ich einer am Tag aus dem Weg gehen muss. Ich möchte nicht Zeuge solcher langweiligen Abgeschmacktheiten sein, weder außerhalb des Kinos noch innerhalb – es sei denn, jemand besäße das Talent, Lösungen anzubieten und dafür interessante Bilder zu finden. Für so was gibt es nämlich Lösungen: die rechte Partnerwahl und keine Angst vorm Alleinsein. Wer zum Teufel hat in Cannes für eine „lobende Erwähnung“ des Filmes gesorgt? Wie niedrig sollen unsere Erwartungen an einen deutschen Kinofilm noch werden? Ich sah nur Tristesse ohne Bonjour.

A MIGHTY HEART (Michael Winterbottom) und  SURF’S UP/KÖNIGE DER WELLEN

Daniel Pearl, Chef-Korrespondent des Wall Street Journal, wurde in Pakistan von Terroristen entführt und Anfang 2002 enthauptet. Winterbottoms Film nach den Memoiren von Pearls Frau (dargestellt von Angelina Jolie) will ihm ein Denkmal setzen. Anfangs irritierte mich so einiges an dem Film, was wohl daran lag, dass man in Indien drehen musste und die Jolie so einen überzeugenden Akzent drauf hatte, Werner ständig meinte, ihre Brüste seien nicht zu groß und ich sie nicht mehr leiden kann, seit sie ihrem echten Ehemann Brad Pitt in einem Restaurant was ins Gesicht gekippt haben soll (da kann sie so viele kambodschanische Kinder adoptieren, wie sie will). Mann, ist dieses Denkmal langweilig. Aus aktuellem Anlass schlug mir jemand - war es etwa ein kleiner Mann im Ohr? - vor, künftig mit Problemen dieser Art folgendermaßen umzugehen: 1) Man gehe nicht hin, wo man gar nicht unbedingt hin muss (nun gut, für Journalisten gilt das kaum); 2) für jeden von islamischen Fundamentalisten gekidnappten Deutschen, für den Lösegeld verlangt wird, enthaupte man hier einen gefangenen Muslim (z. B. Dealer, Waffenschieber, Schläfer). Lasst mich mit euren Sentimentalitäten in Ruh.

Nun könnte man meinen, Sicherheitskontrollen vor A MIGHTY HEART wären irgendwie passend zum Film gewesen, hehe, stattdessen wurde am selben Nachmittag, kaum dass wir aus diesem Film rauskamen, die Sicherheitsschleuse für den nächsten Film zusammengeschraubt (es wirkte wie bei Kindern, die gerade einen Satz Lego geschenkt bekommen haben, aber die Kinder trugen Anzug und Krawatte). Dann wurde ich mit einem freundlichen Akzent, ich denke mal Türkisch, von einem Typen abgegriffen. Vor einem Trickfilm mit Pinguinen, die um die Wette surfen. Zu dem auch ausdrücklich Kinder eingeladen waren. Ja. Liebe Kinder, gebt fein acht, die Security hat noch was mitgebracht – nämlich ein Nachtsichtgerät, mit dem o.g. Typ dann die Reihen absuchte, ob da nicht einer von uns vielleicht heimlich im Kinosaal mitfilmte. So ist das. Nächstes Mal hab ich mein eigenes Nachtsichtgerät dabei und glotze ihn dadurch an, wie er mich anglotzt. Der Film war die Kontrollen nicht wert, da habt ihr’s. Viel Kontrolle = überflüssiger Film (stimmt meist). Durchschaubar, schlug freilich täuschend echte Wellen. Und Filmkritiker sind Schweine. Es gab Popcorn umsonst, wegen der Kinder, und überall lagen nachher die leeren Tüten und Colabecher rum. Dafür sollte es tatsächlich eine Security geben, die „Popcorn-Detektive“. Sonst muss ich den Scheiß immer aus den Rillen meiner Asics pulen.

APOCALYPTO (Mel Gibson)

«Das ist wie eine Atombombe für ihn, ich glaube nicht, dass er sich davon wieder erholen wird», sagte der amerikanische Publizist und Medienexperte Michael Levine. Und zwar zu Mel Gibsons judenfeindlichen Äußerungen nach seiner Festnahme Mitte diesen Jahres wegen Trunkenheit am Steuer. Tja, die lieben Experten. Ich glaube, der obige Satz wird wie ein Polonium-Cocktail für den Experten Levine, denn nun können wir uns 144 Minuten lang in einen rasanten Film über den Untergang der Maya-Kultur, in deren Sprache und mit Untertiteln – der einen lieber in die Hose pinkeln als aufs Klo gehen lässt – von Mels Regie-Genie überzeugen. Der bekennende Katholik erlaubt sich am Ende ein Bild der herannahenden Christen, die in ihren Schiffen und Booten vom Meer kommen und riesige Kreuze hochhalten. Das ist so komisch und bedarf überhaupt keines Kommentares mehr, dass man getrost vermuten könnte, der Suff habe den lieben Mel über seinen eigenen Glauben erhoben. So kann sich jeder einen „Apocalypto 2 (oder Redux)“ ausmalen, in dem das brutale Gemetzel, an dem der Mel ja sowieso seine Freude zu haben scheint, einfach so weitergeht – nur dass es nun die christlichen Besucher wären, die Köpfe rollen lassen. Bedenkt man freilich das Zitat am Anfang, nach dem eine Zivilisation nur untergehen könne, wenn sie sich von innen zerstöre (haha!), dann hat der Mel das sicher gar nicht gewollt. Ja, die Welt ist klein geworden, und am Drehbuch hat ein Iraner mitgeschrieben, der auch genau wusste, wie man es machen muss, wann man weinende Kinder zeigt, welcher Held durch mystisch-glückliche Umstände überleben darf, wie schön doch das Familien- und Stammesleben sein kann und der unbeschwerte Umgang mit dem Sex. Und da hätte ich dann eine (Spoiler)frage. Wenn man sich so was Scharfes auf seinen Schwanz reibt (wir Männer haben’s wohl fast alle schon mal mit Tigerbalsam probiert) und den in den Mund einer Frau steckt, wird man es dann mit dem so balsamierten Schaft auch noch zwischen ihre Beine schaffen (oder umgekehrt)? Dies ist das Koan, das ich euch mit auf den Weg in einen ansonsten völlig gelungenen Film gebe.

VALLEY OF FLOWERS (Pan Nalin)

Hier ist er: DER FILM DES JAHRES! Ja, ich kann es verzeihen, wenn Gurus in der Luft schweben und ebendort geliebt wird. Denn um die Liebe dreht sich dieser Film. Schwebend und mysteriös: Ewige Liebe. Wer liebt, ist nicht so wichtig, aber die Liebe selbst. Der Tod. Die Wiedergeburt. Das Wiedersehen. Da kommt eine Frau zu einem Banditenchef, irgendwo im Himalaya, und sagt ihm: “Ich bleibe bei dir. Ich habe dich in meinen Träumen gesehen.” Schon als der Vorhang so weit aufging, dass ich dachte, er würde in der Wand verschwinden und im Kino nebenan wieder rauskommen, als ich diese Landschaftsbilder sah, die Pan Nalin schon in SAMSARA so grandios hinbekam (wo ihm ebenfalls einige Liebesszenen unvergesslich und zugleich etwas lächerlich gerieten), da wusste ich, es wird eine Frau in diese Geschichte treten, zwischen die 30.000 Ziegen und Schafe, 5.000 Yaks, 350 Pferde und 50 Trampeltiere, und sie wird mir gefallen. Warum, verdammt nochmal, haben wir nicht den Director’s Cut auf dem Internationalen Frankfurter Filmfest gesehen - wie angekündigt? Dann hätte ich zweieinhalb statt zwei Stunden weinen und weiter daran denken können, wie ich selbst zu einer Frau sagte, nach der ich schon viele Leben gesucht habe: “Wenn du alt bist, dann achte auf einen hartnäckigen jungen Mann, der dich besucht. Das werde ich sein, denn ich werde lange vor dir sterben - und wieder geboren werden. Du darfst mich dann nicht wegschicken, denn ich werde dich immer noch lieben.” Ushna!

QUAND J’ETAIS CHANTEUR (Xavier Giannoli)

Und hier eine kleine abenteuerliche Reise durchs World Wide Web, damit Ihr seht, wie so eine Filmbesprechung entsteht. Da ich zu einem Film mit dem Titel “Chanson d’amour” eingeladen wurde, suche ich - da ich ja Pressehefte gerne auf dem Klo des Metropolis-Kinos liegen lasse (als erste Guerilla-Marketing-Maßnahme) - bei der Internet Movie Database, um die Namen der Figuren richtig hinzukriegen. Fehlanzeige. Dann bei kino.de. Auch nix. Dann mit “Gerard Depardieu”. Und ha! - seht Euch das an, ist ja aberwitzig: Gerard als Punk. Das war’s wert. Dieser Gerard (nennen wir die Figur des Alain Moreau einfach bei ihrem Namen) verliebt sich also in Cécile de France (das klingt doch gleich besser als “Marion”, wie sie im Film heißt). Zwar hätte ich Probleme, mich in eine “Klara von Deutschland” zu verlieben, aber kaum lauf ich nach der Presse über die Straße, sehe ich so einen Cécile-Typ mit einem alten Knacker daherkommen, und der Cécile-Typ hat einen Stapel Papiere auf dem Arm und trägt eine Jeans und ein grünes Blouson und sieht verdammt kess aus mit den kurzen, welligen blonden Haaren, und da verabschiedet sich auch schon der Alte, ganz ohne Küsschen (nix ist eben wie im Kino, ich war sicher, er hält sie aus), und im Vorbeigehen lächelt mich doch diese Cécile de Francfort an. Wau! Ich bin 42, und ich hatte mitten auf der Straße eine Spontanschwellung. Mittags kam aber noch der Scorsese (siehe unten), und ... naja, Ihr kennt ja unsere Ausreden, ihr Männer (und Ihr Frauen?). Also, Gerard, alternder Chanson-Sänger. Depardieu kann nicht recht singen, aber die Texte per Untertitel steigen mir Liebeskrankem mehr und mehr zu Kopf, und am Ende haben mir sogar zwei Melodien gefallen. Gerard liebt also diese viel jüngere Wohnungsvermittlerin, die gerade in einer auseinanderbrechenden Beziehung zu einem Typen steht, der viel besser als Gerard aussieht. Einmal sitzt Gerard rauchend hinter so einer Kascheme, wo er die Lieder sang. Ganz allein an der Rückwand einer weißen Wand. Da wusste ich, Houellebecq hatte recht. Letztes Jahr, ich war gerade über 40 geworden, las ich am Mainufer seinen letzten Roman “Die Möglichkeit einer Insel”. Gleiches Thema. Die Einsamkeit des Mannes über 40. Wobei Gerard ja schon fast 60 ist. Ein guter Film. Am Ende hab ich mich gefragt, ob es ein Testscreening gab. Und die Zuschauer entschieden: So darf diese Liebesgeschichte nicht ausgehen.

THE DEPARTED (Martin Scorsese)

Wie ich wegen der AVIATOR-DVDs Martin Scorsese verzeihen lernte ... steht noch weiter unten. Außerdem schrieb Geraldine “genial!” neben diesen Filmtermin (Geraldine ist die Frau, die uns Pressefuzzis mit der besten Liste von Vorführungen in the whole wide area versorgt, und wahrscheinlich hat sie den Streifen schon in [...]* USA gesehen). Bevor ich also das Presseheft wieder aufs Klo bringe, les ich mir doch das Wichtigste durch: Der Drehbuchautor hat die Vorlage, INFERNAL AFFAIRS von Siu Mai Fak und Wai Keung Lau, nie gesehen. Das ist ein Dreiteiler über Gangster, die hochrangige Bullen mit einem Spitzel infiltrieren - und umgekehrt -, und der seine Geschichte im Übrigen rückwärts aufdröselt. Scorsese beschränkt sich auf die Inspiration des ersten Teiles, schwächt das Ende ab, nachdem am Anfang schon ein ganz peinlicher, nur durch amerikanische Prüderie zu erklärender Witz über die Periode einer 15-Jährigen vom ansonsten famosen Jack Nicholson gemacht wurde. Und diese beiden Dinge sind die einzigen kleinen Makel. Der einzige große steht Euch beim Showdown bevor, wenn Matt Damon auf Jackie trifft. Da rückt ein ganzes Heer an, um die Gangster zu kriegen, und plötzlich sind diese beiden minutenlang allein. Eieiei. Ist es doch das Alter, Herr Scorsese? Da fällt einem ja nix mehr ein, was? Jedenfalls, wie Jack die Ratte nachmacht - da haben wir gelacht. Die meisten von uns werden bestenfalls den Hasen hinbekommen. Und wieso fällt nun diese Besprechung kürzer aus als die zum Depardieu-Film? Klar, weil die Helden hinter DEPARTED Siu Mai Fak und Wai Keung Lau heißen. Scorsese (oder sein Kameramann Ballhaus) haben sogar ganze Einstellungen der Chinesen bis ins Detail kopiert. Amerikaner fälschen also schon heute chinesische Markenware. Nun ist mir auch klar, warum es diesmal keine Sicherheitskontrollen gab.

(* hier sollte das Wort stehen, das ein paar Hundert Mal im Film gesagt wird, aber das kann ich weder Geraldine noch einer anderen Amerikanerin mit reinem Herzen antun; und außerdem: Endlich glauben die Amerikaner massenhaft an die Klimakatastrophe)

CASINO ROYALE (Martin Campbell)

Ich wurde nicht zur Pressevorführung eingeladen. Darum gibt es auch keine Kritik. Dank des stärksten Trailers in diesem Jahr aber eine Prognose: “Endlich ein Bond, der weiß, wie man kämpft und liebt.” Falls Ihr in irgendeiner Rezension einen besseren Satz lest als diesen, teilt ihn mir mit. Das hat SONY nun davon, meinen kriegen sie nicht. Paul Haggis (“L.A. Confidential”) hat am Drehbuch mitgewirkt. Das ist ein Garant für ... schluss, aus! Mein Lob muss man sich mit einer Einladung verdienen.

JACKASS (Jeff Tremaine)

Am meisten hab ich, Deutschlands größter Anhänger von LEFAX, über die „Furz-Glocke“ gelacht. Einer furzt in einen Trichter, an dem ein Schlauch hängt, der in eine Tauchhelm-ähnliche Glocke führt, die sich ein anderer über den Kopf gestülpt hat. Kaum ist der Furz abgelassen, kotzt der andere, quasi vergast, in seinen Helm.

   Nach der Pressevorführung, der gerade mal ein halbes Dutzend Kollegen beiwohnten, sagte mir einer, der für eine große Frankfurter Tageszeitung schreibt, über BORAT habe er sich mächtig amüsiert, aber JACKASS sei doch witzlos. Ach, dachte ich da so bei mir, trotz all meines Liebeskummers in diesem Jahr kann ich mich nun unter dem Niveau eines Tageszeitungskritikers amüsieren. Abgesehen von den 10 Kilogramm, die ich dank des Kummers verloren habe, bin ich offenbar also auch geistig erleichtert worden. Wenn es einen Lachzähler gäbe, ähnlich diesem Schrittzähler, der neulich meinen Yakult-Bakteriendrinks beilag, dann hätte der womöglich sogar mehr Zwerchfellerschütterungen bei JACKASS registriert als bei BORAT. Für neuere Woody Allen-Filme dagegen würde die Batterie des Lachzählers Jahre reichen. Pah, es ist also doch was dran: Auf gewisse Weise wird das Leben mit dem Alter leichter!

   Wie Ihr merkt, liebe Leser, rede ich ein bisschen um die heiße Kotze herum, damit ich die Gags nicht verraten muss. Aber schon der erste, wenn die JACKASS-Crew von Stieren durch Straßen und Häuser (!) gejagt wird, beweist, dass hier jeder weiß, wie ein Gag getimet und aus welcher Perspektive er gefilmt werden muss. Obwohl Warntafeln zu Beginn und am Ende des Films darauf hinweisen, dass die Szenen von professionellen Stuntmen durchgeführt wurden und man sie keinesfalls nachahmen solle, kommen die meisten der JACKASS-Witzbolde aus der Skaterszene und haben sich den Charme durchgeknallter Amateure bewahrt. Weil ich die Werbepausen im Fernsehen nicht aushalte, diese Jingles, diese Selbstbeweihräucherung, wie ich sie aus alten MTV-Zeiten kenne, bin ich froh, dass BORAT, der Ex-Ali G., und die JACKASSes mich nun im Kino, meiner heimlichen Heimat, beglücken konnten.

EVERYTHING IS ILLUMINATED/ Alles ist erleuchtet (Liev Schreiber)

Liev Schreiber war bisher Schauspieler (The Manchurian Candidate, Scream 3 usw.), und einmal konnte er den Putzi Hanfstaengl mimen, das war Hitlers Lieblingspianist, der so einige Songs für die Nazis schreiben durfte, weil er den Hitler auch mal vom Selbstmord abhielt. Später, als die KZs aufkamen, wollte Putzi nicht mehr so recht mitspielen, und Hitler schickte ihn auf eine Mission, von der es wohl kein Zurück mehr gegeben hätte. Putzi war aber schlauer, seilte sich in die USA ab und wurde flugs zum Spion von deren Gnaden. Ich glaube es war Philip Roth, der den Verdacht hegte, Hanfstaengl könne gar selbst Jude gewesen sein. Jedenfalls ist Roth selbst wie so viele große Schriftsteller ein guter jüdischer Erzähler vor dem Herrn, und das gleiche hätte ich mal Jonathan Safran Foer unterstellt, der die Romanvorlage zu diesem Film schrieb. Noch in der U-Bahn konnte ich zwar seinen Namen nicht recht aussprechen und dachte noch, er sei im Tropen Verlag erschienen (das kommt daher, weil da Jonathan Lethem publiziert wird und dessen eines Cover wie hingekrakelt wirkt, und weil Kiepenheuer&Witsch das mit Safran Foers Cover genauso machte - oder war es vielleicht eher umgekehrt?). Mit anderen Worten: Buch nicht gelesen, Thema klang zu schlimm (Jude reist in die Ukraine, um die Frau zu finden, der sein Großvater die Rettung vor den Nazis verdankt haben soll), aber als Film zeitsparend doch wohl zu genießen? Denkste! Werner meinte gerade noch im Dunkeln zu mir - da waren 35 Minuten vorbei -: “Die filmen dich gerade!”, und ich: “Soll ich vielleicht winken und jemanden grüßen?”, weil nämlich die Sicherheitsleute im Kino bei der Pressevorführung mit ihren Nachtsichgeräten checkten, ob einer von uns heimlich den müden Klamauk von der Leinwand abfilmte - da stand ich auch schon auf und ging mir ein Nackenkissen kaufen. Denn nicht nur glotzte der Protagonist ständig aus einer überdimensionalen Brille, auch zündete einfach kein Witz. Die Ukrainer waren Klischees, und wenn Safran Foer hier tatsächlich eine eigene Reise verarbeitete, dann ist er entweder ein Rassist oder die Ukrainer benehmen sich jetzt so, wie es deutsche Komiker im TV ihnen vormachen. Da welche bei mir im Haus leben, die - kaum in der Pubertät - vornehmlich als Störer auffielen und mit anderen Worten von niedlichen Kindern zu Ätzgestalten mutierten, kann ich über den misslungenen Versuch, Ukrainer zu Komikern hochzustilisieren, nur müde mit meinen verschobenen Nackenwirbeln knacksen. Wie man sieht: Geht man aus nem Film, ehe ne gute Frau auftaucht, wird’s nix mit der sexistischen Filmkritik. Aber wie man weiß, liegen Sexismus und Rassismus nah beieinander. Vielleicht war’s auch im Fortgang des Filmes so. Safran Foer ist’s zuzutrauen. Ach, wusstet Ihr übrigens, dass Sammy Davis Jr. zum Judentum konvertierte? So heißt nämlich ein bissiger Hund im Film. Psst! Ich verrate Euch nun den Namen meines Pekinesen: Ariel Scharon.

MILLIONS (Danny Boyle)

Manche werden sich erinnern, wie ich The Beach hasste. Darum musste mich Werner auch mehrfach überzeugen, Millions sei ganz anders, ehe ich mich für diesen Kinderfilm von Danny Boyle auf in die Stadt machte. Zwei Jungen, 9 und 7 Jahre alt, gelangen in den Besitz einer Menge gestohlenen Geldes (britische Pfund) und überlegen, was sie damit machen sollen. Außer einer Auflistung von Markennamen (Sachen, die Kinder halt so haben wollen), die ein Zehntel des Budgets eingespielt haben dürfte, geht es vor allem darum, den Bedürftigen mit dem Zaster zu helfen, und – es innerhalb einer Woche loszuwerden, denn dann würde der Euro eingeführt. Da die Geschichte in England spielt, blieben Werner, Claus und mir doch einige logische Überlegungen dahingehend nicht erspart, warum denn ausgerechnet dort der Euro drohen müsse und warum diese Eile beim Umtausch/Ausgeben geboten sei. Als dann Reste des inzwischen offenbar wertlos gewordenen Geldes gegen Ende des Filmes von einem der Jungen verbrannt werden, wurde mir doch reichlich unwohl. Waren doch zuvor etliche und teils witzige Heilige (Franziskus, Petrus usw.) aufgetaucht, und sogar „ugandische Märtyrer von 1881“, die doch wahrhaftig in ihren roten Kutten aussahen wie schwarze buddhistische Mönche. Doch einer fehlte, obwohl der Vater der Jungen „Ronnie“ heißt: Der heilige Ronagan, Schutzpatron aller Gauner und Prostituierten. Der hätte den Jungs gesagt, wie sie die Kohle anlegen müssen, damit sie als Erwachsene den Rest ihres Lebens so oft vögeln können, wie sie wollen. Ich bin sicher, Danny B. hat dafür auch schon Geld ausgegeben, auf die eine oder andere Weise. Und auch sein Drehbuchautor, Frank Cottrell Boyce, der für Michael Winterbottom Code 46 und Welcome to Sarajevo schrieb, ist hier ein bisschen scheinheilig. Wahrscheinlich haben die beiden gerade eigene Kinder in dem Alter und wünschen denen nur das Beste.

GESPENSTER (Christian Petzold)

Ach so, das war ja Julia Hummer. Wusst ich doch, dass mir die Stimme bekannt vorkam. KO(llege) glaubte ja mal, ich würde nur wegen der in Filme rennen können. Inzwischen ist sie mir zu alt (25) und verbraucht, und eine Hure würd ich ihr ja abnehmen, aber nicht diesen lesbischen Teenie, den sie hier wohl darstellen soll. Wie kann man sich eigentlich in einer leuchtend orangenen Weste, wie sie Straßenreiniger tragen, in einem Gebüsch verstecken wollen? Solche Fragen hat sich Petzold, der mal beim sehenswerten Innere Sicherheit Regie führte, diesmal wohl nicht gestellt, auch nicht sicherheitshalber. Und diese Sabine Timoteo, die wie die Hummer einen Underdog darstellen soll und so spricht wie Schauspielschüler nun mal sprechen, wenn sie selbst nicht genug erlebt haben oder einfach fehlbesetzt sind (für solche Rollen gibt’s doch Laien), ging mir gleich auf den Senkel (und meiner ist schwarz mit gelben Tatzen, von Jack Wolfskin – endlich mal breite Schuhe!). Wer so eine bei sich hausen lässt, der gehört ja beklaut. Und als dann eine Französin, noch schlimmer als Schauspielschulabsolventinnen ohne Lebenserfahrung, Deutsch radebricht und die Hummer oder was sie darstellt für ihre verlorene Tochter hält, da muss ich gehen. So einen affektierten Scheiß kann man einfach nicht bringen, wenn Jim Jarmusch (siehe Broken Flowers) das eben gerade viel besser gemacht hat – nur mit einem Sohn. Wer sich an deutscher Weinerlichkeit ergötzen kann, wird den Film wohl durchhalten.

BROKEN FLOWERS (Jim Jarmusch)

Bill Murray mal wieder tranfunselig wie in Lost in Translation von Sofia Coppola (wo ich das schreibe, höre ich den Soundtrack zu Apocalypse Now Redux – so hängt alles zusammen). Da ich erst wirklich seit Ghost Dog zu einem Jim Jarmusch-Fan wurde (der mich im Grunde vor finanzieller Pleite rettete) – und heh, ich zitier ja nicht so oft aus Presseheften, aber in dem zum aktuellen Film ist Jarmusch noch immer in Ghost Dog-Jacke abgelichtet), blieb ich aber geduldig. Und es zahlte sich aus. Denn die Frage, wie das alles sein könnte, wenn man einen Sohn hätte statt keinem, hab auch ich mir schon gestellt. Und ob da irgendeine Frau aus der Vergangenheit vielleicht doch mal einen von mir ausgetragen haben könnte. Murray jedenfalls erhält einen Brief auf rosa Papier, in dem ihm eine Verflossene, ohne ihren Namen zu nennen, mitteilt, sein ihm noch unbekannter Sohn sei auf dem Weg zu ihm. Bill nutzt die Chance, die von einem detektivischen Nachbarn als in Frage kommenden Absenderinnen abzuklappern. Dabei steigt er mit einer Frau in die Heia, die einfach fantastisch spielt und aussieht. Wie ich im Presseheft feststellen musste, handelt es sich um Sharon Stone. Die ist über 40 und gefiel mir früher nur wenig. Was ist nur los mit mir? Dafür sieht Jessica Lange, die zur Lesbe geworden war, nicht mehr so aus, als würde sie Jack Nicholson im Stehen in der Küche nageln, aber was soll’s, der muss sich inzwischen sicher auch dafür hinlegen. Dagegen Jessicas Freundin, die mit dem blonden, baumelnden Pferdeschwanz … also, Herr Jarmusch, das ist doch eine typische Männerfantasie, du weißt doch auch, wie lesbische Paare in echt aussehen, nicht wahr?

AVIATOR (Martin Scorsese)

Seit geraumer Zeit werden Pressevorführungen zu einer Hochsicherheits-Angelegenheit. Das kommt natürlich, weil jüdisch-amerikanische Filmverleihe glauben, es seien Journalisten, die heimlich in Pressevorführungen die Filme aufzeichnen und dann illegal verscherbeln. Erwischt wurde zwar noch keiner, es gibt also keinen Beweis, und aus dem Vorführraum geht so was nun wirklich eleganter. Dennoch müssen wir nun mit Taschenkontrollen, Handyabgabe, Abtasten und Abpiepsen rechnen und morgens um 10.30 Uhr durch Schleusen vorm Kinosaal treten wie vorm Abflug auf einem Flughafen. Die jüdisch-amerikanischen Filmverleihe versuchen so, US-Big Brother-Denken in Deutschland zu installieren. Das führt dazu, dass ich ihre Vorstellungen zunehmend meide. Einladungen kommen dann auch nicht mehr oft, weil ich ja nicht über ihre Filme schreibe. Das könnte sich nun wieder ändern, denn es gibt ja noch CDs, und wenn jemand wie Scorsese, der allen Bonus bei mir bereits verspielt hatte, und Leonardo di Caprio, den ich immer für überschätzt hielt, eine gut zweieinhalbstündige Glanzleistung über den OCD (Obsessive-Compulsive Disorder)-Fall Howard Hughes hinlegen, dann wünschte ich doch, ich hätte all seine Flugszenen auf großer Leinwand genossen. Das ganze informative Zusatzmaterial gab’s im Kino freilich nicht, das ist auf der Bonus-DVD. Die sollte ich mal einem Kumpel zeigen, der immer die Salz- und Pfefferstreuer in unserer Stammbar zwanghaft ausrichtet. Ein bisschen hab ich den Verdacht, dass Michael Mann, der zu Projektbeginn noch mitarbeitete, und vor allem John Logan (The Last Samurai) als Drehbuchautor die Richtung des Filmes so veränderten, dass Scorsese nicht mehr so leicht in die Seichtheit abrutschen konnte, die seine letzten Filme kennzeichnete. Dazu trug auch die Figur des Pan Am-Chefs bei, die Alec Baldwin verkörperte, im Umfang weiter zunehmend, und von Film zu Film gelassener grinsend. Und wer durfte Jean Harlow spielen? Gwen Stefani. Deren Videos zieh ich mir seit Wochen immer wieder rein, und gewichst hab ich natürlich auch schon dazu, da gibt es diese Großaufnahme von ihrem Gesicht, wo das eine Auge so leicht schief zu stehen scheint, in Hollaback Girl, und man muss verdammt schnell sein, wenn man so eine Standbild-Taste im TV hat wie ich und das Bild damit besser als mit der Pausetaste auf dem alten Multinorm-Videorekorder wird und … außerdem, ständig von vier Japanerinnen umgeben zu sein … Nun gut. Die Harlow wurde ja nur 26, als sie an Urämie (Harnvergiftung) starb. Ihr damaliger Mann William Powell kaufte drei Krypten, eine weitere nämlich für sich und eine für Jeans Mutter. Die stehen heute noch leer. Hmm. Da könnt ich mal ausschlafen …

DE BATTRE MON COEUR S’EST ARRETE / Der wilde Schlag meines Herzens (Jacques Audiard)

Ich wünschte, alle überdrehten Asozialen hätten das Zeug zum Pianisten, wie der Protagonist hier. Als ich ein Pressefoto sah, auf dem er mit einer langhaarigen Chinesin, die seine Lehrerin spielt, abgebildet ist, dachte ich gleich, die beiden werden sicher ein Paar sein im Film. Leider dauerte das bis zum Schluss, aber da hat er dann so was wie ihren Chauffeur und Manager gespielt, und der Rest wurde nur durch bewundernde Blicke und Küsschen angedeutet. Sehr schön. Das ist mal ein Liebesfilm. Es gibt vorher eine Szene, wo unser Protagonist mit der Frau eines Kollegen, der diese ständig betrügt, anbandelt. Da werden Worte gesprochen, die den Kern der Sache treffen, keine blöden Anmachsprüche, wie man sie ständig in Zeitschriften liest. Oder entscheidende Lücken, wie man sie ständig in Filmen sieht. Und später, als sie eifersüchtig wird – echt aus dem Leben. Schaut es Euch an. Ich verrate es nicht. Aber wenn ihr so alt seid wie ich, dann habt ihr das bestimmt schon mal durchgemacht.

KISS, KISS, BANG, BANG (Shane Black)

Mit diesem Titel gab’s schon einige Filme, sogar einen mit Chow Yun Fat (Original: Zhi fa zhe), aber nur dieser hier hat so viele Kommas. Und Val Kilmer, den ich seit David Mamets unterschätztem Spartan mag. Überhaupt muss ich mich wundern. Di Caprio, Kilmer, Scorsese, Sharon Stone – am Ende wird ich noch die ganze Welt umarmen. Auch mit meinem Bruder, der mich einst schwer beleidigt hatte, hab ich neulich wieder zusammengehockt (ich revanchierte mich, indem ich ihn bei Super Mario Cart abhängte), und mit einem Kumpel, der was mit einer meiner verflossenen Kubanerinnen (mit sechs Zehen an einem Fuß) anfangen wollte, ebenfalls (er hat eingesehen, dass es ihr nur ums Geld ging, hehehe). Im Mittelpunkt des Filmes steht Robert Downey Jr., der zweifellos viel zu affektiert spielt, und wow!, wir Pressefutzis sahen den im Original, da hatte einer echt Spaß am Dialoge-Schreiben, und mein Amerikanistik-Studium hat mal wieder nicht gereicht. Also, Downey Jr. erklärt der von ihm begehrten Frau, die aussieht wie eine Hemingway-Tochter (früher mal), aber in echt Michelle Monaghan heißt, dass es nicht richtig sei, sich wie selbstverständlich von jedem begrapschen zu lassen, nur weil man das seit Kindertagen so gewohnt sei. Und dann ist da dieser abgedrehte Humor, der erst am Ende in eine groteske Gewaltorgie mündet. Da hat Shane Black, der Lethal Weapon und The Long Kiss Goodnight schrieb, mit seiner ersten Regiearbeit ein ganz eigenes Tempo gefunden, und auch ohne namentliche Kenntnis all der zitierten film noirs bleibt dem Zuschauer das intelligente Spiel mit Genre-Klischees nicht verborgen.

HOLY LOLA (Bertrand Tavernier)

Tavernier ging im Khmer-Schal an mir vorbei, als sein Film auf dem Münchner Filmfest präsentiert wurde. Da ich nichts Schlechtes von Tavernier kenne, muss ich nicht erwähnen, dass mich auch dieser Film stets interessiert hat. Allerdings frage ich mich jetzt, ob Tavernier oberflächer ist, als er scheint. Denn die Geschichte um die Adoptionswünsche kinderloser Europäer, insbesondere Franzosen, vergisst, entscheidende Fragen zu stellen: Inwiefern ist es richtig, ein ethnisch-genetisch ganz anderes Wesen in eine ihm nicht angestammte Kultur und Sozialisation zu verpflanzen? Und: Was haben all die Waisenhäuser in Südostasien unter französischer Leitung mit dem Geschäft rund um die Adoption zu tun? In Vietnam habe ich schon Mitte der 90er-Jahre einen Blick hinter die Kulissen getan, und ich wurde den Verdacht nicht los, dass die Franzosen wie selbstverständlich ihr Kolonialherrentum nun in Form von oft auf dubiosen Wegen organisierten Adoptionen ausleben. Weil Kambodscha nicht sozialistisch ist, ging es da zuweilen noch einfacher. Da ich die Khmer aber mehr liebe als die Vietnamesen, bleibt mir zum ersten Mal ein ganz übler Nachgeschmack infolge eines Tavernier-Filmes. Immerhin sagte er im Kino: „Man sollte erst ein Land adoptieren, bevor man seine Kinder adoptiert.“ Dem Film fehlt eine solch klare Haltung. Er spottet ihr sogar Hohn.